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Botschaft der Islamischen Republik Iran  Berlin

Rede des Botschafters der Islamischen Republik Iran in Deutschland, Herrn Alireza Sheikh Attar,

bei der Eröffnungsfeier des iranischen Kulturfestivals in Weimar

am 06. Oktober 2009

 

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, verehrte Anwesende, meine sehr verehrten Damen und Herren,

 

zunächst möchte ich meine Freude über meine Anwesenheit in diesem kulturellen Kreise, am Geburtsort von Goethe, einer der bekanntesten deutschen Persönlichkeiten, zum Ausdruck bringen und allen iranischen und deutschen Mitarbeitern danken, die mit großer Begeisterung ans Werk gegangen sind, um die iranische Kulturwoche in Weimar, während der auch eine Iran-Ausstellung stattfindet, zu veranstalten.

 

Hafis:

 

Das Herz entgleitet meiner Hand, o ihr, die ihr euer Herz (noch in der Hand) habt          – um Gottes willen!

Wie schmerzt es, daß das verborgene Geheimnis (nun) offenbar wird.

 

Schiffbrüchig sind wir, o günstiger Wind, erheb dich,

möge es uns (vergönnt) sein, den lieben Freund wiederzusehen.

 

Zehn Tage lang (währt) die Güte des Himmelsgewölbes, es ist ein Märchen und Truggespinst;

nutze die Chance zur Güte gegenüber Freunden, o Freund.

 

Die Ruhe beider Welten (liegt in der) Deutung folgender zwei Worte:

bei Freunden Großmut, bei Feinden Freundlichkeit.

 

(deutsche Übersetzung von Joachim Wohlleben)

 

Goethe:

 

Talismane

 

Gottes ist der Orient!
Gottes ist der Occident!
Nord- und südliches Gelände
Ruht im Frieden seiner Hände!

 

Er, der einzige Gerechte,
Will für jedermann das Rechte.
Sei von seinen hundert Namen
Dieser hochgelobet! Amen.

 

Mich verwirren will das Irren,
Doch du weißt mich zu entwirren.
Wenn ich handle, wenn ich dichte,
Gib du meinem Weg die Richte!

Ob ich Ird'sches denk' und sinne,
Das gereicht zu höherem Gewinne.
Mit dem Staube nicht der Geist zerstoben,
Dringet, in sich selbst gedrängt, nach oben.

(West-östlicher Diwan)

 

Die Veranstaltung der iranischen Kulturwoche in Deutschland und das Gedenken an zwei berühmte Persönlichkeiten, einen Iraner – Hafis – und  einen Deutschen – Goethe – , ist nichts Neues und auch nichts Ungewöhnliches, denn die engen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern bestehen bereits seit 500 Jahren, und diese beiden großen Persönlichkeiten sind in beiden Ländern bestens bekannt.

 

In Iran hat Deutschland einen guten Ruf, denn die Deutschen haben weder in der Region noch in Iran selbst kolonialistische Absichten verfolgt. Es gab sogar einige Deutsche, die – wie zum Beispiel Wilhelm Wasmus, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts Generalkonsul Deutschlands in Bushehr war – beim Volksaufstand im Süden des Landes einen der Anführer der Freiheitskämpfer namens Ra’is Ali Delvari im Kampf gegen die britische Marine unterstützten. Auch in Tabriz kam zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die Bevölkerung von Tabriz gegen die russischen Besatzer kämpften, der ehemalige deutsche Generalkonsul in Tabriz den Kämpfern zu Hilfe und arbeitete mit ihnen zusammen. In diesem Zusammenhang schrieb er auch ein Buch über seine Erinnerungen während seines Aufenthalts in Iran unter dem Titel „Die Iranischen Flitterwochen“. Dieses Buch wurde kürzlich in Iran ins Persische übersetzt und veröffentlicht. Die Deutschen haben auch bei der Entdeckung antiker Kulturgüter und bei archäologischen Ausgrabungen, besonders zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Persepolis, eine bedeutende Rolle gespielt und die ersten Inschriften übersetzt. Doch der Höhepunkt der kulturellen Beziehungen zwischen Iran und Deutschland ist die spirituelle Beziehung zwischen Goethe und Hafez. Obwohl diese beiden zeitlich betrachtet vier Jahrhunderte voneinander entfernt waren, gelang es Goethe, sich von den Gedichten des Hafis und von dessen Geisteshaltung und Leben inspirieren zu lassen und sich spirituell zu entwickeln. Darum ist die iranische Kulturwoche in Weimar von einer besonderen Spiritualität geprägt. Hafis und Goethe sind beide besondere Geschöpfe Gottes. Hafis hatte den ganzen Koran auswendig gelernt und war doch gegen die dogmatischen Strömungen seiner Zeit und versuchte, seine Spiritualität, seine guten Gedanken und seinen Freiheitssinn in seinen Gedichten auszudrücken.

 

Hafis:

 

Jahrelang hat das Herz des Jamshid-Becher von uns gefordert;

(gerade) was es selbst besaß, hat es vom Fremden gewünscht.

 

Die Perle, die aus der Muschel des Weltalls verschwunden ist,

suchte es bei Leuten, die sich am Meeresstrand verinnrt haben.

 

(Dieses) Problem habe ich gestern dem Alten Magier vorgelegt,

ob er mit sinem Scharfsinn die Lösung des Rätsels finde?

 

Ich sah ihn fröhlich und vergnügt, den Pokal in der Hand,

und auf dem Spiegel ließ er hundert Sorten Erscheinungen spielen.

 

Ich fragte: Wann hat dir der Weise den weltenschauenden Pokal geschenkt?

Er antwortete: Am Tag, da er diese (ganze) Emaille-Kuppel schuf.

 

Falls sich die Gnade des Heiligen Geistes noch einmal zur Hilfe herabläßt,

wird ein andere auch (genau) das tun, was der Messias tat. 

(deutsche Übersetzung von Joachim Wohlleben)

 

 

 

Goethe:

Bist du von deiner Geliebten getrennt

Wie Orient und Okzident

Das Herz durch alle Wüsten rennt;

 

Es gibt sich überall selbst das Geleit,

Für Liebende ist Bagdad nicht weit.

(West-östlicher Diwan)

 

 

Goethe war ebenfalls in der Literatur, in der Kunst und in Wissenschaften ein Genie seiner Zeit. Er lehnte rassistische Strömungen ab und – was noch wichtiger ist – Goethe war ein Liebender, und diese Liebe zum Spirituellen  war es, die Goethe und Hafis miteinander verband. Goethe hat in seiner Zeit – vor etwa 200 Jahren – Bücher Hafis gelesen und konnte angesichts der gemeinsamen Wurzel der persischen Sprache mit den indoeuropäischen Sprachen eine wichtige Rolle dabei spielen, dass diese Sprache Verbreitung fand und bedeutende persischsprachige Persönlichkeiten bekannt wurden.

 

Goethe war auch ein religiöser, gläubiger Mensch. Im 19. Jahrhundert, als die baschkirischen Soldaten und Offiziere der russischen Armee nach Weimar kamen, verrichteten sie an einem Freitag in einer Kirche ihr Freitagsgebet, und Goethe nahm ebenfalls daran teil. Zur selben Zeit ging er auch in die Kirche und nahm am christlichen Gottesdienst teil. Dies bedeutet, dass alle Religionen einen gemeinsamen Ursprung haben und alle Kulturen miteinander verwandt sind.

 

Hafis:

 

Tadle nicht die Freigeister, o Frömmler mit deinem reinen Charakter;

dir wird ja auch die Sünde eines anderen nicht angeschrieben.

 

Ob ich gut, ob ich böse bin, geh, kümmere du dich um deine (eigene Angelegenheit)!

Jeder erntet zuletzt das Werk, das er gesät hat.

 

Jeder einzelne sucht den Freund, ob nüchtern, ob berauscht;

jeder Ort ist ein Haus der Liebe, ob Moschee, ob Tempel.

(deutsche Übersetzung von Joachim Wohlleben)

 

 

Goethe:

Närrisch, daß jeder in seinem Falle

Seine besondere Meinung preist!

Wenn Islam Gott ergeben heißt,

In Islam leben und sterben wir alle.

(West-östlicher Diwan)

 

 

Diese Verwandtschaft der Kulturen und die Notwendigkeit des Dialogs zwischen den Völkern sind der Grund dafür, dass solche Kulturwochen veranstaltet werden und dass die Veranstalter selbst auch Menschen aus beiden Ländern sind – in Deutschland lebende Iraner und Persönlichkeiten aus der Stadt Weimar, und sie erklärt die enge kulturelle Beziehung zwischen beiden Ländern.  

 

Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen interessanten Besuch im Orientalischen Markt.